1. Fachtag Spiritual Care

(24.03.2026)

Praktiker der Gesundheits- und Sozialberufe erleben täglich die existenziellen Nöte der Menschen. Welche Antworten können wir darauf finden? Experten gaben Hilfestellung, Workshops oder hielten Impulsvorträge beim 1. Fachtag Spiritual Care am 19. März in Regensburg. Ein voller Erfolg!

Ist Spiritual Care etwas Exotisches oder Essenzielles?

Interdisziplinärer Fachtag beleuchtet, wie Spiritual Care Mitarbeitende, Führungskräfte und Träger dabei unterstützt, besser mit existentiellen Nöten ihnen anvertrauter Menschen umgehen zu können

Ist Spiritual Care etwas Exotisches oder Essenzielles? lautete die große Frage des von der Akademie der Barmherzigen Brüder organisierten Fachtags. Hauptreferent Professor Dr. Traugott Roser sowie Pater Thomas Väth und Dr. Margit Gratz, Referentin für Spiritual Care, Ethik und Hospitalität, sind sich einig: Als etwas Essenzielles nutzt Spiritual Care nicht nur den Patient:innen und Bewohner:innen, sondern auch allen, die im Gesundheits- und Sozialwesen tätig sind. Spiritual Care stärkt Selbstwirksamkeit und Care-Kompetenz. Zudem hilft sie Betroffenen dabei, Sinn als existenzielle Dimension wahrzunehmen.

Viele Menschen sind beruflich Leid und damit auch der Gefahr ausgesetzt, dass sich dieses auf sie überträgt. Leid aushalten zu können, erklärte Professor Dr. Traugott Roser, der an der Universität Münster den ersten Masterstudiengang Spiritual Care in Deutschland initiiert hat und zu den bekanntesten Wissenschaftlern auf diesem Gebiet zählt, sei auch eine Frage der Schulung. Mitaushalten, Beistand, Wissen, unterscheiden können und Supervision unterstütze beteiligte Berufsgruppen bei ihrem beruflichen Alltag. Dies sei für sie von existentieller Bedeutung, denn: „Wir haben keine Jobs, wir haben eine Berufung.“

Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen

Dass im oft stressigen Alltag dabei Gedanken wie Wann soll ich das (auch) noch machen? oder Wie sage ich meinem Chef, dass es Spiritual Care braucht? aufkommen, wurde beim Fachtag im Regensburger marinaforum nicht ausgeklammert. Wichtig war allen Referent:innen, dass Spiritualität im Beruf nichts Exotisches ist. Pater Thomas Väth verwies auf die plurale Gesellschaft und dass in der Pflege und Medizin nicht nur der Körper, sondern auch Seele und Geist bedient werden sollen. Seele und Heilung wiederum hätten viel mit Spiritualität zu tun. 

Ausgehend von der Hospizarbeit sei es laut Professor Dr. Roser zu einem Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen, zu einer stärkeren Hinwendung zu Patient:innen und deren Angehörigen gekommen. Bedeutsamer Ansatz: Es gibt Leben und Lebensqualität auch dann, wenn die Dauer begrenzt, die Situation beeinträchtigt ist. Menschen werden durch Spiritual Care in ihren Bedürfnissen gesehen; Ressourcen werden gestärkt, Ängste reduziert und Trost vermittelt. Relativ wenig diskutiert ist bislang der Bedarf nach Dokumentation. Denn dadurch werden spirituelle Bedürfnisse auch sichtbar und die Spiritual Care-Arbeit transparenter. 

Erfolge schnell sichtbar machen

Doch zurück zu den beiden Fragen. Professor Dr. Roser sieht in Spiritual Care keine weitere Aufgabe, sondern eine gedankliche Umorientierung. Auch ohne zusätzlichen Zeitaufwand sei Spiritual Care möglich. Man denke nur an Kommunikation, denn: „Gute Kommunikation dauert auch nicht länger als schlechte.“ Das muss auch den Führungskräften vermittelt werden, für die es zuvorderst eine Frage der Organisation der gemeinsamen Sorge um kranke, alte und hilfsbedürftige Menschen darstellt.

Nicht wenige Führungskräfte waren unter den gut hundert vor Ort sowie weiteren zahlreichen digital Teilnehmenden. Ihnen vermittelte Peter Schmieder, Professor für Human Skills Management an der TH Deggendorf, wie wichtig es ist, im Wandel hin zu mehr Spiritual Care aus vom Prozess Betroffenen Beteiligte zu machen. Er forderte dazu auf, die Kultur vorzuleben, Koalitionen mit Veränderungswilligen zu bilden und Erfolge schnell sichtbar zu machen: „Reden Sie darüber, feiern Sie Ergebnisse, das wirkt auf andere ansteckend!“

Leid und die Warum-Frage

Für ein Schmunzeln sorgte Dr. Margit Gratz auf die Frage „Wie sage ich es meinem Chef?“: „Wissen Sie, ich arbeite bei den Barmherzigen Brüdern. Da stellt sich diese Frage zum Glück nicht; ich weiß, das ist Luxus. Und werfen Sie ruhig ein Auge darauf, welche Persönlichkeit ein Unternehmen hat“, forderte sie das Plenum auf. Unternehmenskultur sei auch das, was Menschen spüren, wenn sie irgendwo zur Tür reingehen, und das wiederum werde nicht zuletzt durch den Führungsstil der Leitungspersonen geprägt. Bei den Barmherzigen Brüdern sei Spiritualität letztlich so ein zentraler Wert, dass er sogar in die Ordenswerte Eingang gefunden hat und somit nicht verhandelbar sei.

So war es für Moderatorin Birgit Fürst vom Bayerischen Rundfunk auch nicht verwunderlich, dass die Akademie der Barmherzigen Brüder zu diesem Fachtag Spiritual Care eingeladen hat, handelt es sich dabei doch um die einzige Akademie mit diesem Schwerpunkt in Bayern. Deren Einladung waren auch zahlreiche weitere hoch qualifizierte Referent:innen gefolgt, die Spiritual Care in den Versorgungskontexten von Behindertenhilfe, Krankenhaus, Hospiz und Palliativstation sowie Altenhilfe und ambulanter Pflege einordneten. Es gab nicht zuletzt wertvolle Impulse zu Themen wie Sinn als existenzielle Dimension, Spirituelle Bedürfnisse und Ressourcen, Haltungen und Kompetenzen in Spiritual Care oder Leid und die Warum-Frage, die dabei helfen sollten, individuelle Antworten auf die zentrale Frage des Tages zu finden: Ist Spiritual Care etwas Exotisches oder Essenzielles?

Marion Hausmann

Fotos: © Kirsten Oberhoff, Barbara Eisvogel 

Foto 1: Frater Thomas Väth, (v. li) Moderatorin Birgit Fürst, Organisatorin Dr. Margit Gratz, Hauptredner Prof. Dr. Traugott Roser

Foto 2: Frater Thomas Väth sieht Spiritual Care in seiner Eröffnungsrede als den Markenkern der Barmherzigen Brüder von jeher.

Foto 3: Rund 100 interessierte Zuhörer wie hier im Plenum und virtuell waren beim Fachtag.

Foto 4:  Prof. Dr. Peter Schmieder beleuchtete die Verantwortung des Gelingens von Spiritual Care bei den Trägern und Führungskräften.

Foto 5: Glückliche Gesichter und Blumen gab es am Ende des Fachtags Spiritual Care 

Foto 6: Christa Tottmann, eine Referentin aus dem Bereich der Behindertenhilfe bei den Barmherzigen Brüdern.

Foto: 7: Im Vortrag von Dr. Christoph Seidl drehte sich alles um das Leid und die Warum-Fragen 

Foto 8: “Haltungen und Kompetenzen” wurden im Workshop von Sepp Raischl später auch praktisch erfahrbar

Foto 9: In den Workshops wurde gemeinsam nach Lösungen gesucht.

Foto 10: Junge Brüder aus der Ordensprovinz Europa Mitte: (v. li) Frater Lászlo, Frater Bálínt, Frater Clemens und Frater Florian.